Wenn von Augengesundheit die Rede ist, denken die meisten Menschen zunächst an das Auge selbst, an Netzhaut, Sehnerv oder Augeninnendruck. Der Darm scheint in diesem Zusammenhang auf den ersten Blick kaum eine Rolle zu spielen.
Doch die Forschung der vergangenen Jahre zeichnet ein anderes Bild. Zwischen Darm und Auge scheint eine enge Verbindung zu bestehen, die als Darm-Augen-Achse (Gut-Retina-Axis) bezeichnet wird.
Dabei rückt vor allem das Mikrobiom in den Mittelpunkt. Denn was im Verdauungstrakt geschieht, könnte Prozesse beeinflussen, die auch bei Augenerkrankungen wie der altersbedingten Makuladegeneration (AMD) und dem Glaukom eine Rolle spielen.
Das Mikrobiom und die Darm-Augen-Achse
Im menschlichen Darm leben Billionen von Mikroorganismen, die gemeinsam ein komplexes Ökosystem bilden. Für die Gesundheit ist unter anderem das Gleichgewicht zwischen den unterschiedlichen Mikroorganismen entscheidend.
Gerät dieses Gleichgewicht aus der Balance, wird von einer Dysbiose gesprochen. Deren Auswirkungen können weit über den Verdauungstrakt hinausreichen. Aktuelle wissenschaftliche Übersichtsarbeiten beschreiben mehrere mögliche Wege, über die eine veränderte Darmflora die Augen beeinflussen könnte.
So kann eine beeinträchtigte Darmbarriere beispielsweise durchlässiger werden. Dadurch können Entzündungsbotenstoffe verstärkt in den Blutkreislauf gelangen und systemische Entzündungsprozesse begünstigen. Gleichzeitig stehen dem Körper möglicherweise weniger schützende Stoffwechselprodukte der Darmbakterien, wie beispielsweise kurzkettige Fettsäuren, zur Verfügung. Diese werden auch im Zusammenhang mit dem Schutz des Netzhautgewebes untersucht.
Ein weiterer Aspekt ist die Nährstoffaufnahme. Wenn der Darm nicht optimal funktioniert, können wertvolle Nährstoffe aus der Ernährung oder aus Nahrungsergänzungsmitteln unter Umständen schlechter aufgenommen werden. Selbst eine gute Nährstoffversorgung kann ihr Potenzial nur entfalten, wenn die Vitalstoffe vom Organismus aufgenommen und dorthin transportiert werden, wo sie benötigt werden.
Ein gesunder Darm ist somit eine wichtige Voraussetzung für die Versorgung der Augen mit relevanten Nährstoffen.
Mikrobiom und Makuladegeneration: Welche Zusammenhänge gibt es?
Bei der altersbedingten Makuladegeneration ist die sogenannte Darm-Augen-Achse inzwischen Gegenstand verschiedener wissenschaftlicher Untersuchungen. Dabei wurden Unterschiede in der Darmflora von Menschen mit fortgeschrittener AMD im Vergleich zu gesunden Personen beobachtet.
Bestimmte Bakteriengruppen treten bei Menschen mit Makuladegeneration offenbar häufiger auf. Als mögliche Erklärungen werden verschiedene Mechanismen diskutiert.
Dazu gehören eine erhöhte Durchlässigkeit der Darmbarriere und damit verbundene systemische Entzündungsprozesse. Auch das Komplementsystem rückt in den Fokus. Es ist Bestandteil des Immunsystems und spielt gleichzeitig bei der Makuladegeneration eine wichtige Rolle.
Darüber hinaus untersuchen Wissenschaftler den Einfluss von Stoffwechselprodukten der Darmbakterien. Wenn das Mikrobiom aus dem Gleichgewicht gerät, werden möglicherweise bestimmte schützende Stoffe in geringerer Menge gebildet, was wiederum Prozesse beeinflussen könnte, die für die Netzhaut von Bedeutung sind.
Mikrobiom und Glaukom: Auch der Sehnerv könnte betroffen sein.
Auch beim Glaukom erweitert sich der wissenschaftliche Blick. Über viele Jahre stand dabei insbesondere der Augeninnendruck im Mittelpunkt der Betrachtung. Inzwischen werden zusätzlich immunologische, vaskuläre und neurologische Zusammenhänge intensiver untersucht.
Dabei spielt auch das Mikrobiom eine Rolle. Mehrere aktuelle Untersuchungen – darunter genetische Studien mittels sogenannter Mendelscher Randomisierung – liefern Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen bestimmten Darmbakterien und dem Glaukomrisiko.
Das primäre Offenwinkelglaukom wird in der Forschung mittlerweile auch unter immunologischen Gesichtspunkten betrachtet. Fehlregulationen des Immunsystems könnten zur Schädigung der Sehnervenfasern beitragen. Da der Darm erheblichen Einfluss auf das Immunsystem hat, stellt sich die Frage, welche Rolle Veränderungen der Darmflora dabei spielen könnten.
Beim Glaukom könnte deshalb nicht allein der Augeninnendruck von Bedeutung sein. Auch die Versorgung und Widerstandsfähigkeit des Sehnervs sowie entzündliche und immunologische Vorgänge im gesamten Organismus rücken stärker in den Fokus.
Makuladegeneration und Glaukom ganzheitlich betrachten
Die Erforschung der Darm-Augen-Achse steht jedoch noch am Anfang. Das Mikrobiom ist weder die alleinige Ursache einer Makuladegeneration noch eines Glaukoms. Die bisherigen Erkenntnisse erweitern jedoch das Verständnis dafür, wie eng die Gesundheit der Augen mit der des übrigen Körpers verbunden sein kann.
Dieser Ansatz entspricht dem Grundgedanken der Integrierten Augentherapie nach Noll. In der Augenakupunktur nach Noll wird nicht ausschließlich das betroffene Auge betrachtet. Vielmehr werden auch körperliche Zusammenhänge, Stoffwechsel, Durchblutung und weitere Faktoren in die ganzheitliche Betrachtung einbezogen.
Auch der Darm ist dabei bereits Bestandteil dieses Ansatzes. Insbesondere im physiotherapeutischen Teil der Integrierten Augentherapie nach Noll wird er regelmäßig in die Behandlung einbezogen.
Die Vorstellung, dass das Auge nicht unabhängig vom restlichen Organismus betrachtet werden kann, ist somit seit Langem fester Bestandteil des therapeutischen Ansatzes der Augenakupunktur nach Noll. Die aktuelle Forschung zur Darm-Augen-Achse liefert nun weitere interessante Hinweise auf mögliche Zusammenhänge.
Ein gesundes Mikrobiom unterstützen: Was man selbst tun kann:
Die Zusammensetzung der Darmflora lässt sich durch Ernährung und Lebensstil zumindest teilweise beeinflussen. Einige einfache Maßnahmen können dabei helfen, möglichst gute Bedingungen für ein vielfältiges Mikrobiom zu schaffen.
- Vielfalt auf dem Teller: Unterschiedliche pflanzliche Lebensmittel liefern verschiedenen Darmbakterien die benötigten Nährstoffe und können somit die Vielfalt des Mikrobioms unterstützen.
- Ballaststoffreich essen: Gemüse, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte liefern Ballaststoffe, aus denen Darmbakterien unter anderem kurzkettige Fettsäuren bilden können.
- Fermentierte Lebensmittel integrieren: Sauerkraut, Kefir oder Naturjoghurt können eine abwechslungsreiche Ernährung ergänzen und die Darmflora positiv beeinflussen.
- Stark verarbeitete Lebensmittel reduzieren: Hochverarbeitete Lebensmittel sollten nicht den größten Teil der täglichen Ernährung ausmachen. Sie werden unter anderem im Zusammenhang mit Veränderungen der Darmbarriere diskutiert.
- Bitterstoffe nutzen: Auch Bitterstoffe können eine darmbewusste Ernährung ergänzen und die Verdauungsfunktion unterstützen.
Mikrobiom, Makuladegeneration und Glaukom: Die Augen stehen nicht für sich allein.
Die Erforschung der Darm-Augen-Achse macht einmal mehr deutlich, dass die Augen nicht losgelöst vom restlichen Körper betrachtet werden sollten. Mikrobiom, Immunsystem, Stoffwechsel, Entzündungsprozesse und Augengesundheit können auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden sein.
Gerade bei chronisch-degenerativen Augenerkrankungen wie Makuladegeneration und Glaukom lohnt es sich deshalb, den Blick über das Auge hinaus zu erweitern.
Wer etwas für seine Augengesundheit tun möchte, sollte nicht nur Netzhaut, Sehnerv und Augeninnendruck im Blick behalten. Auch eine ausgewogene Ernährung, eine gesunde Darmflora und ein vielfältiges Mikrobiom können Bausteine eines ganzheitlich ausgerichteten Lebensstils sein.
Die Darm-Augen-Achse zeigt somit eindrucksvoll, dass gesunde Augen nicht erst im Auge beginnen.
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